Unter
uns
Mal
unter uns: Fragen Sie sich nicht auch, wo und wie wir uns befinden, wenn
wir "unter uns" sind?
Das
lateinische Wort "inter", mit dem unser "unter" verwandt ist, verleitet
zu der alternativen Formulierung, wir befänden uns "zwischen uns",
was allerdings bedeuten würde, daß wir uns über den aktuellen
Stand der Physik hinwegsetzen müßten: Diese besagt nach wie
vor, daß sich keine zwei Körper am selben Ort befinden können,
geschweige denn ein Körper an zwei Orten zugleich.
Kühnerweise
begeben wir uns also auf das noch rätselhafte Feld der Schwarzen Löcher,
der Antimaterie und der parallelen Universen und behaupten, wir seien nicht
nur hier, sichtbar, fühlbar und amtlich registriert, sondern zugleich
auch zwischen uns, was sofort den wenig schmeichelhaften Gedanken nahelegt,
wir stünden neben uns, seien also nicht ganz bei Sinnen.
In
der Tat zeichnet sich die Intimität vieler Gesellschaften durch kaum
mehr aus als durch den gemeinsamen und exzessiven Konsum von Genuß-
und Rauschmitteln: "Unter sich" zu sein kann also durchaus eben diese direkte,
indirekt aus dem Lateinischen hergeleitete Bedeutung haben.
Nun
habe ich die Äußerung, wir seien "unter uns", auch schon des
öfteren aus nüchternem Munde vernommen, was mich dazu anhält,
mich mit dieser ersten Überlegung nicht vollends zufriedenzugeben.
Vielleicht
führt uns ja die zweite Bedeutung des Wortes "unter" weiter, die sich
vom lateinischen "infra" herleiten läßt: "Wir sind unter uns"
hieße demnach "Wir sind unterhalb von uns".
"Wir
unterhalten uns unter unserem Niveau" wäre eine mögliche Interpretation
des Satzes, wobei hier der ersten Person Plural der Geschmack einer durchaus
hochmütigen Solidarisierung anhaftet: Nur aus Höflichkeit verzichtet
man darauf klarzustellen, auf wen nun wirklich die Primitivität des
Gespräches zurückzuführen ist:
Eine
ganz andere Deutung des Zustandes, sich unter sich selbst zu befinden,
führt uns abermals dahin, die physikalischen Grundregeln nach dem
bereits dargestellten Muster zu negieren: Unsere Parallelexistenzen befänden
sich nun nicht neben, sondern unter uns, da aber auch diese wir selbst
wären ("Wir sind unter uns!"), könnten wir daraus schließen,
daß wir auch über uns sind.
Verknüpft
man übrigens diese Erkenntnis mit der oben erörterten Niveaufrage,
gelangt man zum selben Ergebnis wie im ersten Fall: Auch der Satz "Wir
unterhalten uns über unserem Niveau" deutet mehr oder minder höflich
an, daß das Gegenüber dem Gespräch wohl nicht gewachsen
ist.
"Unter
sich" zu sein, ist nach dem Stand dieser Thesen also nicht unbedingt anzustreben:
Entweder ist man nicht Herr seiner Sinne, oder man muß sich mit einem
intellektuell unangenehm Unter- oder Überlegenen unterhalten... oder
man bewegt sich in physikalisch unerforschten Dimensionen, was wohl kaum
die Behaglichkeit aufkommen läßt, die wir bisher angesichts
der Äußerung, wir seien "unter uns", zu verspüren glaubten.
Doch
gibt es glücklicherweise noch zwei Wege, dem Unter-sich-Sein etwas
Positives abzuringen:
Für
die erste Variante braucht man zugegebenermaßen eine Menge guten
Willen, aber ich verspreche Ihnen: Betont man bewußt das Wort "unter"
und bewegt man diese Interpretation eine Weile auf der Zunge, kann sie
durchaus einen glaubwürdigen Geschmack bekommen: "Wir sind unter uns"
könnte nämlich auch bedeuten: "Wir sind unter unserer Oberfläche"
- oder mit anderen, freieren Worten: "Wir können uns gegenseitig ins
Innerste schauen."
Für
die zweite Variante braucht man "Unter uns" lediglich ins Französische
zu übersetzen, und wiederum mit etwas Phantasie und einem kleinen
Satzzeichen gewinnt man eine geradezu poetische Aufforderung zur Gemeinsamkeit,
eine Einladung an das "Wir", einzutreten:
"Entre,
Nous!"
Kai Malte Fischer, 1996
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