Das perfekte Portrait


Es war einmal eine kleine Malerin, die am Rande der Stadt in einer einfachen Hütte wohnte. Als eine brillante Künstlerin hätte man sie bestimmt nicht bezeichnet, aber sie hatte eine Gabe, die sie doch zu etwas ganz Besonderem machte: Sie konnte die Leute so portraitieren, dass die danach immer sagten: „Genauso hätte ich mich gemalt - wenn ich malen könnte.“

Die Fähigkeit der kleinen Malerin sprach sich in der Stadt herum, und so fanden sich immer häufiger Menschen in ihrer Hütte ein, um sich von ihr malen zu lassen.

Eines Morgens klopfte ein sehr blasser Mann in viel zu weiten Kleidern an ihre Tür. Auch er hatte gehört, zu welch bemerkenswerter Kunst sie imstande sei, und er bat sie, dies auch an ihm zu erproben. Er habe schon sein Leben lang davon geträumt, dass sein eigenes Abbild in seinem Hause hänge. Bereitwillig stimmte sie zu, wies ihm einen Stuhl an und stellte einen Krug Wasser, einen Becher und einen Teller mit Gebäck hinzu. Dann richtete sie Staffelei, Leinwand und Pinsel und öffnete ein paar Farbtöpfchen. 

„Nein, Meisterin“, unterbrach sie der Mann, „bitte nehmt die größte Eurer Leinwände, die dort hinten.“ „Seid Ihr sicher?“, fragte die kleine Malerin stirnrunzelnd. Er nickte aufgeregt. Und noch einmal fragte sie: „Passt denn ein so großes Bild überhaupt in Euer Haus?“ „Ganz bestimmt“, rief er. 

Also tauschte die kleine Malerin geduldig die Leinwände und nahm Platz auf ihrem Hocker hinter der Staffelei. Sie schloss die Augen und atmete ein paarmal tief ein und aus. Sie griff zur Palette, legte mit dem Pinsel einige Farbkleckse auf und begann sie zu vermischen. Dann blickte sie ihrem Modell konzentriert ins Gesicht und wandte sich schließlich der Leinwand zu. 

„Wartet, Meisterin“, unterbrach sie da der blasse Mann, „bitte nehmt doch mehr von Euren glitzernden Farben.“ Verwirrt schaute die kleine Malerin auf. Dann fragte sie: „Seid Ihr sicher?“ Und trotz seines heftigen Nickens fragte sie noch einmal: „Passen denn solche Farben überhaupt in Euer Haus?“ „Gewiss“, rief er.
 
Also öffnete die kleine Malerin ein paar weitere Töpfchen, kleckste die neuen Farben auf ihre Palette, blickte den Mann noch einmal an und griff nach kurzem Überlegen zu einem ihrer Pinsel. 

„Einen Moment, Meisterin“, hörte sie ihn rufen, „nehmt doch bitte einen dickeren Pinsel!“ Für einen Augenblick erstarrte die kleine Malerin. Sie schloss die Augen, sie atmete ein paarmal tief ein und aus. Ein seltsames Lächeln entfaltete sich auf ihrem Gesicht. Als sie die Augen wieder öffnete, legte sie den Pinsel zur Seite, nahm einen dickeren Pinsel und blickte ihrem Modell ein letztes Mal ins Gesicht. Dann nickte sie und begann zu malen. 

Sie malte und malte, saß und stand abwechselnd auf ihrem Hocker und füllte nach und nach die große Leinwand mit Farbe aus. Stunde um Stunde verstrich, das Sonnenlicht wanderte durch den Raum, wurde immer flacher, und als es zu dämmern begann, legte die kleine Malerin Pinsel und Palette zur Seite. Schweigend und mit unbewegter Miene trat sie einige Schritte zurück und schaute auf ihr Werk. 

„Fertig?“, entfuhr es dem Mann, und ungeduldig rutschte er auf dem Stuhl hin und her. Wie erwachend blickte die kleine Malerin ihn an, nickte und lud ihn mit einer flüchtigen Handbewegung ein, neben sie zu treten. 

Polternd sprang er von seinem Stuhl auf und eilte mit glänzenden Augen durch den Raum. Da war es also, sein Portrait! Groß war es und glitzernd, wunderschön, überwältigend. Vor allem aber war das Bild so, wie es immer in seinen Träumen erschienen war. Genau so. 

Der blasse Mann strahlte. Laut atmend blickte er zwischen dem Bild und der kleinen Malerin hin und her. „Es ist großartig“, rief er immer wieder aus, „sagt, Meisterin, ist es nicht großartig?“ Sie senkte den Blick und lächelte: „Ich freue mich sehr, dass ich Euch zufriedenstellen konnte.“ „Ja, das habt Ihr, Meisterin. Euren Ruf habt Ihr nicht ohne Grund erlangt. Das Bild - es ist perfekt. Eure Kunst ist groß.“ 

Und der blasse Mann nestelte aufgeregt in seiner viel zu weiten Joppe herum und förderte schließlich ein Ledersäckchen mit klimpernden Münzen zutage. „Nehmt dies als Lohn, Meisterin. Mehr habe ich leider nicht zu geben, aber Ihr würdet mir große Freude bereiten, wenn ich Euch noch auf ein Festmahl in mein bescheidenes Haus einladen dürfte. Ich werde uns den Tisch direkt unter diesem herrlichen Gemälde decken und Euch bewirten, so gut ich kann.“ 

„Ich danke Euch sehr“, entgegnete die kleine Malerin mit leiser Stimme. „Gerne nehme ich Euer Entgelt, und Ihr dürft beruhigt sein, dass ich damit vollauf zufrieden bin. Eure Einladung aber – ich werde sie nicht annehmen.“ 

Der blasse Mann wurde mit einem Mal noch bleicher, und seine aufgerissenen Augen waren voller Bestürzung und Schmerz.  „Aber was…?“ Er schnappte nach Luft, seine Worte versiegten. Die kleine Malerin schluckte schwer. Sie fühlte sich plötzlich noch viel kleiner, und sie begann mit unsicherer Stimme: „Bitte verzeiht. Ich wollte Euch nicht verletzen. Gewiss nicht. Euer Portrait… ich habe es für Euch geschaffen, ganz wie Ihr es wünschtet. Aber… es ist nicht mehr mein Bild. Ich hätte gerne ein anderes gemalt. Mein Blick auf Euer Portrait… mein Blick auf Euch… er ist mir fremd.“ „Was um Himmels Willen stimmt denn nicht an dem Bild?“, rief der blasse Mann empört. „Ist es nun doch nicht perfekt?“ „Doch, das ist es“, antwortete die kleine Malerin, „denn es erfüllt Euch Euren lebenslangen Traum.“ 

Vor Wut schnaubend riss der blasse Mann sein noch feuchtes Portrait von der Staffelei und hob es auf seinen Rücken. Er stampfte zur Tür und öffnete sie gewaltsam mit dem Fuß. Dann wirbelte er noch einmal herum: „Ich habe Euch für ein perfektes Bild bezahlt. Es wäre Eure Aufgabe gewesen, Euer ganzes Können zu zeigen. Im Übrigen will ich Euch nie in meinem Hause sehen. Es gibt genügend Leute, die meine Gastfreundschaft zu schätzen wissen.“ Die Tür der Hütte fiel laut krachend ins Schloss, und der blasse Mann ward nie mehr gesehen.



Kai Malte Fischer, 2006



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