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Phantastische Leistung
Gedanken zu Behinderten-Leistungssport und den Paralympics 1996
Mit dem Rücken zum Tresen, ein Glas Bier in der Hand,
überrannte mich neulich ein Mann mit seinen
Paralymics-Fernseherlebnissen. Kaum war ich im Rollstuhl in die Kneipe
gekommen, schon hatte er sich mir zugewandt und in
fachmännisch-kumpelhaftem Ton zu erzählen begonnen:
"Phantastische Leistung, phantastische Leistung", war der Refrain
seines Lobgesanges, und voller Hochachtung schaute er auf mich
herunter, als wäre ich als Rollstuhlfahrer ganz
selbstverständlich ein Vertreter des Behinderten-Sportverbandes.
So spontan und leutselig bin ich von Fremden wirklich noch nicht oft
angesprochen worden, und vielleicht hätte ich ja froh sein
müssen über diese integrative Wirkung der Paralympics. Im
warmen Regen der Anerkennung, der da auf mich niederging, wurde mir
aber bald sehr ungemütlich:
Sollte diese Sportveranstaltung womöglich noch zum Vorreiter
für die Emanzipation von Behinderten werden? Sollten es
Leistungsbeweise und Medaillen sein, die uns endlich den nötigen
Respekt in der Gesellschaft verschaffen?
Die ach so ersehnte Gleichstellung in dieser Form zu erreichen,
würde der Mehrheit von uns Betroffenen zum bitteren
Verhängnis werden, denn was kann uns schon eine Emanzipation
bedeuten, die sich an den Idealen derer orientiert, von denen sich
viele von uns emanzipieren wollen und müssen?
Als Leistungserbringer anerkannt zu werden, ist noch nie ein
Kunststück gewesen: Behinderte, Ausländer, Homosexuelle oder
auch Frauen haben wenig Eingliederungsschwierigkeiten... wenn sie nur
nach gängigen Maßstäben "funktionieren". Viel
schwieriger (und das eigentlich angestrebte Ziel) ist es aber, auch
dann ganz akzeptiert zu werden, wenn man auf irgendeine Art und Weise
anders ist und anders "funktioniert".
Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich klarstellen,
daß ich gegen Behindertensport überhaupt nichts einzuwenden
habe - ganz im Gegenteil: Ich selbst habe eine Zeitlang mit
großem Vergnügen Elektrorollstuhl-Hockey gespielt, und ich
habe erlebt, wie schnell man dabei großen Ehrgeiz entwickelt. Und
wie natürlich ist es dann doch, daß man zu Wettkämpfen
und Turnieren fährt, um sich mit anderen zu messen! Eben das
geschieht in großem Rahmen auch bei den Paralympics - was sollte
man dagegen haben?
Das Problem dieser großen, internationalen Spiele liegt in der
Unmöglichkeit, Wettkämpfe nach althergebrachtem Muster
durchzuführen: Sportler mit individuell verschiedenen
Einschränkungen "über einen Kamm zu scheren", ist hier nicht
praktikabel, aber genau das ist es ja, was das Wesen eines Wettbewerbes
ausmacht: für alle gilt ein und derselbe Maßstab. Ein
unübersichtliches System von Schadensklassen hingegen führt
den Wettbewerbsgedanken ad absurdum: Am Ende zählen fast wieder
nur noch die (im eigentlichen Sinne des Wortes) unvergleichlichen
Einzelleistungen.
Und die sind in der Tat beeindruckend! Allerdings beschleicht mich
dabei in vielen Fällen das gleiche Unbehagen wie beim
Leistungssport der Nichtbehinderten: Die endlose Spirale der
Technisierung schraubt sich immer weiter in die Höhe, und am Ende
weiß man schon nicht mehr, ob man sich für sportliche
Leistung oder den Erfindungsreichtum der Sportgeräthersteller
begeistert.
Selbstverständlich - nur als ein Beispiel - ist der
Schützensport auch für Blinde eine faszinierende
Betätigung. Die dazu notwendige Technologie, akustische Signale
über Kopfhörer, wird für die Ausübenden dem
Spaß an der Sache keinen Abbruch tun, im Gegenteil! Die Frage ist
nur: Ab wann wird ein Sport zur Groteske? In den 70er Jahren hat die
britische Comedy-Truppe Monty Python unter anderem die bizarren
Disziplinen "Marathon für Blasenschwache" und "Hürdenlauf
für Orientierungslose" auf den Fernsehschirm gebracht
(wunderbar!), und ich bin mir nicht sicher, ob diese Satire nicht bald
von der Realität überholt wird. Wenn es die Technik einmal
erlauben sollte, daß Spastiker mit entsprechenden Hilfsmitteln
Mikado spielen und ein Stummer die olympische Eröffnungshymne
singt, ist das für die Betroffenen sicher sehr reizvoll - aber wo
ist die Leistung, der Sport? Wenn jeder am Ende alles kann, weil jedes
Hilfsmittel akzeptiert wird, wird dann nicht der Sport zur Nichtigkeit?
Daß die Menschen die Macht haben, natürliche Gegebenheiten
außer Kraft zu setzen, haben sie schon oft genug eindrucksvoll
bewiesen. Ob es immer nur zum Guten war, mag jeder selbst beurteilen.
Keine natürliche Gegebenheit ist jedenfalls die Entwicklung der
Olympischen Spiele hin zu einer wahnwitzigen, erbarmungslosen Schlacht
der sich überschlagenden Leistungen, der psychologischen
Kämpfe, der Technik und des allmächtigen Kommerzes.
Eine Chance und sinnvolle Aufgabe der Paralympics könnte es sein,
sich selbstbewußt dieser Strömung zu verweigern, aus der
vermeintlichen Schwäche eine Stärke zu machen und die
olympische Idee zu neuem Leben zu erwecken:
die "gemeinsamen sportlichen Spiele"!
Jedes der drei Wörter ist zu betonen.
Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, an diese Utopie zu
glauben, denn allzu stark ist die Macht des Geldes, der Technologie und
der Massenmedien. Doch sollte den behinderten Sportlern dieser ganz
eigene Weg gelingen, dann würde ich zu schwärmen beginnen von
ihrer "phantastischen Leistung"!
Kai Malte Fischer, 1996 |
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