Das fremdvertraute Land
 


Zwischen ferne Horizonte,
Meer und Himmel, spannt
sich das reglos sturmbesonnte
fremdvertraute Land,
ausgedörrt und karg wie eine
dunkle Einsamkeit,
in der, gleich Gestalten, Steine
kauernd sind verstreut.

Hier, wo sie sich stumm verlieren,
wo der Grund beginnt
wegzugleiten, zerrt an ihren
Schultern scharf der Wind,
doch sie starren ungerührt nur
blaue Tiefen an,
winken mich im stillen Sog zur
See, zu sich heran.

Lichtes Dunkel legt auf meine
Sinne sich wie Fell,
als Vertrautem finstrer Steine
wird der Blick mir hell,
sehe, wie die sanften Hügel
streicheln dieses Land;
in mir brechen tausend Siegel
wie von lieber Hand.

Häute fallen, und ich lege
sie auf Distelgrund,
unwegsame Seelenwege
sind es, die mich wund
und verwundend weiterziehen,
bleibend und doch fort,
Denken und Gefühle fliehen,
fliehen muß das Wort.

Nur ein kleiner Punkt bleibt schweben,
nennt sich schüchtern Ich,
in sein schwarzes Rund verweben
bunte Lichter sich,
die im Wind mit weiterwehen,
tauchen tief ins Tal,
schlängelnd leicht im Dunst vergehen
wie ein Sternenstrahl.

Morsch gebückte Bäume, dichte
Kronen rauschen rauh,
bergen in sich all die Früchte,
die im Dämmergrau
alter Jahre sich versteckten,
Träume, die von hier
meine Seele nachts erweckten,
reiften hin zu mir.

Alles liebevolle Sehnen
meines Lebens glitt
täglich in den Blätterkähnen
auf dem Nachtfluß mit,
mir nur von den knorrig-weisen
Ästen zugedacht,
hier geschaffen und auf leisen
Wellen mir gebracht.

Kaum ertrage ich die Nähe
der verwandten Welt,
auf dem Hügel vor mir sehe
ich, zu mir gesellt,
einen kleinen Baum beschwörend
flüstern: Bleibe stehn,
die Erkenntnis ist zerstörend,
niemals anzusehn!

Hinter seinem Schatten glänzen
Klänge berstend stumm,
und ich kehre an den Grenzen
meiner Wahrheit um,
falle, eine Daunenfeder,
aus dem schwarzen Rund,
pochend bleiben im Geäder
Lichterstrahlen bunt.

Fließend weite Innenräume
unter heller Haut
liegen auf dem Fels wie Fläume,
schmiegend urvertraut:
Die Verbindung mit dem alten
Berg ging nie verlorn,
endlos oft hat seiner Spalten
Schoß mich schon geborn.

Löse doch, was mit den Steinen
mich am Meer verband,
lächle noch behutsam meinen
letzten Gruß ins Land:
Sterben werde ich und leben
schließlich hier als Stein -
endlich werden greifbar neben
mir die Bäume sein.
 
 
 

Kai Malte Fischer, 1988




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