Gewissensprüfung
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Bitte
setzen Sie sich doch, junger Mann.
Also:
Sie haben uns in diesem Schreiben hier mitgeteilt, es sei für Sie
„aus Gewissensgründen“ unmöglich, Ihren Dienst bei uns abzuleisten,
und Sie wollen daher verweigern. Selbstverständlich ist es Ihr gutes
Recht, den Ersatzdienst anzutreten, und das haben Sie ja auch schriftlich
beantragt. Leider mußten wir Sie nun noch einmal vorladen, denn wir
empfinden die in Ihrem Brief angeführten Argumente als kaum hinreichend.
Wir haben daher noch ein paar klärende Fragen an Sie... |
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Stellen
Sie sich doch bitte einmal vor, Sie machten mit Ihrer Freundin einen Waldspaziergang.
Plötzlich kommen ein paar finstere Gestalten daher, greifen Sie beide
an und verwunden dabei Ihre Begleiterin so schwer, daß sie nicht
mehr zu Fuß nach Hause gehen kann. Sie müssen Ihr in der Nähe
geparktes Auto holen, sie hineinheben, ins Krankenhaus und später
heimfahren. Das würden Sie doch tun, oder? Na also! Nun weiter: In
den Folgewochen stehen aufgrund der erlittenen Verletzungen noch zahlreiche,
regelmäßige Arzttermine an, zu denen Ihre Freundin hingefahren
werden muß. Ständen Sie da zur Verfügung, junger Mann?
Selbstverständlich, sagen Sie? Ja, da frage ich Sie aber, warum Sie
dann den Zivildienst verweigern wollen! Auch da könnte es Ihre schlichte
Aufgabe sein, körperlich versehrte Menschen mit einem Fahrzeug von
einem Ort zum anderen zu chauffieren. Wo soll da nun ein Gewissenskonflikt
liegen?
Noch
ein anderes Beispiel: Sie sind bei Ihrer Großmutter zu Besuch, deren
körperliche Verfassung ihr kein vollkommen selbständiges Leben
mehr erlaubt. Sie sitzen also mit ihr am Kaffeetisch, und auf einmal verspürt
die alte Dame ein grundmenschliches Bedürfnis – aber: sie ist, wie
bereits erwähnt, nicht mehr befähigt, den Weg zu der betreffenden
Örtlichkeit alleine anzutreten. Was tun Sie? Nein, es ist in diesem
Moment kein Pfleger anwesend, nur Sie beide. Aha! Soso! Dachte ich es mir
doch! Ja gut, aber dann könnten Sie doch ebenso auch einem anderen
alten oder behinderten Menschen behilflich sein, oder nicht? Nein, junger
Mann, gerade haben Sie es ohne Weiteres in Betracht gezogen, wir haben
es alle gehört und Sie können es jetzt nicht einfach wieder ableugnen.
Ach nein, ich bitte Sie!
Einmal
anders herum: Warum um alles in der Welt wollen Sie denn unbedingt den
Zivilersatzdienst leisten?! Sind Sie sicher, daß Sie Ihrem Land einen
größeren Dienst erweisen, wenn Sie bloß ein bißchen
Gewehre putzen und durch den Schlamm... nein, selbstverständlich liegt
es mir fern, die Kollegen in der Bundeswehr zu verunglimpfen, Sie mißverstehen
mich, junger Mann! Bitte wie? Wehrdienst sei das korrekte Wort, nicht Zivilersatzdienst?
Jaja, immer hübsch politisch korrekt bleiben, was? Na, wenn Sie wollen:
Was finden Sie so anstrebenswert am... Wehrdienst? Hmm. Aha. Patriotismus.
Dienst am Volke. Vaterland... soso... jaja...
Junger
Mann, ich fürchte, Ihre Argumentation wird Ihnen bei uns nicht viel
weiter helfen.
Kai Malte Fischer 2001 |