Dia(un)log



Zwei stehen sich gegenüber.
Sie haben sich aufeinander gefreut und blicken sich voll freudiger Erwartung an.
In allen Augen ein Strahlen. Herzlicher Überschwang.
Sie reichen sich die Hände. Umarmen sich.
Reden. Erzählen. Feiern.

Doch was ist das?
Täuscht es, oder war dieser Händedruck einen winzigen Augenblick zu kurz, zu zögerlich?
Liegt nicht in jenem Blick auch lauernde Skepsis?
Und der Tonfall klingt irgendwie nach Enttäuschung, nicht?
Was hat diese Körperhaltung zu bedeuten?
Welchen Sinn hatte die Redepause eben?
Ist mir etwas entgangen?
Was ist falsch gelaufen?
War ich selbst zu forsch?
Wo ist mir ein Fehler unterlaufen?
Was wird mir zwischen den Zeilen mitgeteilt?
Nichts, wird beteuert, gar nichts war zwischen den Zeilen.
Doch, doch, da war doch etwas, da ist doch etwas.
Nein, wirklich, was soll denn auch sein?
Aber ich spüre es doch, bitte sei doch offen, du kannst es ja aussprechen.
Aber wenn da doch gar nichts ist.
Wenn nichts wäre, hätten wir doch jetzt nicht dieses Problem.
Welches Problem?
Eben dass wir nicht offen darüber reden.
Worüber denn?
Über deine Skepsis, deine Enttäuschung, deine Ablehnung.
Moment, ich empfinde das alles doch gar nicht.
Aber ich habe es doch ganz deutlich gespürt.
Es tut mir leid, wenn etwas den Anschein erweckt hat, es wäre so.
Es war doch ganz klar zu sehen!
Aber es ist nicht so!
Wenn es nicht so wäre, würden wir jetzt nicht darüber reden müssen.
Noch einmal in aller Deutlichkeit: Es ist nichts. Ich habe nichts gegen dich. Ich verstehe das Problem nicht.
Siehst du, du sagst es nun ja selbst: Es gibt das Problem. Lass es uns doch einfach ergründen und aus der Welt schaffen.
Gerne. Sofort. Wenn ich nur wüsste, was das Problem ist.
Na, du selbst hast doch augenscheinlich Probleme mit mir.
Das sagst du.
Nein, das strahlst du aus.
Aber wenn ich doch sage, dass es nicht so ist.
Verschließe dich doch nicht so, ich bin doch wirklich bereit, in aller Offenheit mit dir zu reden.
Ich auch. Und ich sage in aller Offenheit, dass es von meiner Seite überhaupt keine Probleme gibt. Gut?
Warum nimmst du denn jetzt mein Redeangebot nicht an? Ich muss ja eine ganze Menge falsch gemacht haben, dass du dich mir gegenüber so verschließt.
Wie soll ich mich denn verhalten, dass du es als offen empfindest?
Mit mir über unser Problem reden.
Gut. Ich verstehe es zwar nicht, aber fang doch einfach mal an.
Du hast doch das Problem.
Nein.
Doch.
Nein.
Vielleicht sollten wir uns eine Weile lang nicht mehr sehen.
Warum?

Zwei stehen sich gegenüber.
Sie haben sich aufeinander gefreut und blicken sich ratlos an.



Kai Malte Fischer, 2002




Start
Cartoons
Illustrationen
Lieder
Prosa und Lyrik
Webdesign
Beifang
Der Fischer
Links
Kontakt
Zum Seitenanfang