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Der
Hauptteil meines folgenden Textes entstand im Jahr 2000 als Beitrag im
Diskussionsforum von startrampe.net. Dort ereiferte man sich damals so
heftig über "die Amelos", dass es fast schon zur Hetzkampagne
ausartete. Für mich war das Thema Amelotatismus zu dieser Zeit ein
vollkommen neues, aber ich informierte mich im Laufe der
Forendiskussion und kommentierte das Gelesene schließlich mit
meinem Beitrag. Ich wollte eine vermittelnde Sachlichkeit in die
Auseinandersetzungen bringen. Der Text bescherte mir eine Flut von
Zuschriften, größtenteils zustimmende. So fühlte ich
mich damals ermutigt, bei der Erstellung meiner ersten Website auch
meinen Amelotatismus-Artikel als "Essay" mit aufzunehmen, der eine
Zeitlang den Titel "Fetisch Behinderung" trug. Im Laufe der folgenden
Jahre erhielt ich weitere Zuschriften zum Thema, nun vermehrt auch mit
negativer Kritik, mit interessanten Informationen und Einblicken oder
auch mit redaktionellen Bitten, mich zitieren zu dürfen. Immer
wieder gab es also Anlässe, den Text zu redigieren und zu
aktualisieren.
Die jüngste Überarbeitung habe ich im August 2006 vorgenommen. |
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Die "Amelos"
In den Themenforen diverser Homepages für Behinderte ist ein
Phänomen zu beobachten, das spannend und beunruhigend zugleich
ist: der immer aufgeregtere Umgang mit bzw. von Amelotatisten.
Amelotatismus - von Griechisch: a ("kein" bzw. "nicht") und melos
("Glied") - bezeichnet in der Fachsprache die besondere Vorliebe
für Sexual- bzw. Lebenspartner, denen Gliedmaßen fehlen oder
die eine andere körperliche Behinderungen haben. Zu der Gruppe der
"Amelos" können im weiteren Sinne auch die so genannten Devotees
(Verehrer), Wannabes (die gerne selbst behindert wären) und
Pretender (die ihrer Umwelt vortäuschen, sie seien behindert)
gezählt werden. |
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Zum einen gibt es im Internet Treffpunkte für Behinderte wie zum
Beispiel www.startrampe.net oder das Forum von www.wiend.at, wo zum
"Schutz" der Teilnehmer das Thema Amelotatismus offiziell ausgeklammert
wird – mit nur mäßiger Wirksamkeit, denn
natürlich muss eine konzentrierte Ansammlung behinderter Menschen
immer wieder wie ein Magnet für Amelotatisten wirken.
Zum anderen haben sich spezielle Foren für Amelotatisten
etabliert, zum Beispiel das Forum 32787 bei parsimony.net, das sich
etwas verbrämt an "körperlich behinderte Menschen und deren
Verehrer" wendet.
Zwischen den genannten Adressen gibt es einen regen "Spionage-Verkehr",
immer wieder beziehen sich Einträge auf Äußerungen in
den jeweils anderen Foren, und zum Teil werden sie auch direkt her-
oder hinüberkopiert. (So übrigens auch Teile dieses Textes.)
Was dabei entsteht, ist aber leider allzu selten ein Austausch im
konstruktiven Sinne. Vielmehr kochen die Emotionen hoch: Manch ein
Behinderter bläst förmlich zur Hexenjagd auf "die Perversen",
und die so angegangenen "Verehrer" fühlen sich wiederum brutal und
böswillig aus der Gesellschaft ausgestoßen oder beklagen
sich über die mangelnde Toleranz der Behinderten. Die Fronten
verhärten zusehends, obgleich es an moderaten und vermittelnden
Stimmen nicht mangelt.
Worum geht es denn im Kern? Um die Körperlichkeit von Behinderten.
Und auf welche Weise sowohl diese Behinderten als auch ihr Umfeld mit
dieser Körperlichkeit umgehen. Das ist nun einmal, wie man es auch
dreht und wendet, für viele kein einfaches Thema.
Ich selbst bin seit meiner Geburt schwerbehindert. Da ich mich also
nicht anders kenne, habe ich zu meinem Körper ein völlig
selbstverständliches Verhältnis, ich akzeptiere und mag ihn.
Damit ist aber nicht jegliche Problematik beseitigt, denn
natürlich verursacht dieser Körper immer wieder auch Krisen,
Selbstzweifel und Kratzer am Selbstbewußtsein. Das kennt jede(r),
so ein Hin und Her im Selbstbild ist "normal". Manche Behinderte haben
größere Schwierigkeiten, ihren Körper zu akzeptieren,
anderen fällt es leichter, und entsprechend locker oder
problematisch ist dann auch ihr Umgang mit Erotik und Sexualität.
(Ich weiß, wovon ich rede, denn ich selbst gehöre mal mehr
zur einen Gruppe, mal eher zur anderen.)
Die "andere Seite" hat es kaum leichter: Für Fußgänger
ist ein behinderter Körper nun einmal eine Herausforderung der
ganz besonderen Art.
Und sobald es um Liebe, Zärtlichkeit und Intimität geht, wird
es für alle die, die noch nicht ihre eigenen erotischen Weg
gefunden haben, erst recht schwierig. Was da alles zusammenkommt:
- Wie sehr nimmt der Behinderte den eigenen Körper an?
- Wie sehr nimmt der nichtbehinderte Partner den eigenen Körper an?
- Wie sehr nimmt man den Körper und die körperlichen Eigenarten des jeweils anderen an?
- Wie sehr nimmt man die Leidenschaft des jeweils anderen an? Stellt man sich selbst im stillen Fragen: warum...?
- Wie sehr nimmt man die Liebe des jeweils anderen an? Kann man
wirklich voll und ganz darauf vertrauen? Zweifelt man: warum gerade
ich, warum gerade sie bzw. er?
Auf beiden Seiten kann auf diese Weise unglaublich schnell eine
Verunsicherung entstehen, die letztlich bloß immer wieder mit
diesem behinderten Körper zu tun hat.
Lügen wir uns also nichts in die Tasche: Das Thema "Behinderung
und Sex" ist und bleibt für alle die ein brisanter Dauerbrenner,
die sich nicht innerlich auf Behinderte einlassen (können oder
wollen) und sich folglich auch keine intime Beziehung zwischen
Behinderten und Nichtbehinderten vorstellen können. (Oft genug
fehlt den Behinderten ja selbst die Vorstellungskraft und der Mut dazu.)
Und nun gibt es also Leute, die sich ausgerechnet von diesen ganz
"speziellen" Körpern angezogen fühlen. Nicht etwa, daß
sie in einer bestehenden Partnerschaft eventuell hinzukommende
körperliche Beeinträchtigungen ihres Gegenübers
akzeptieren und "mitzulieben" lernen - nein, hier gibt es
tatsächlich einen äußerlichen Trieb- und
Schlüsselreiz, der am Anfang des Kennenlernens und Begehrens
steht: die körperliche Behinderung.
Ist es nicht logisch, daß darin Zündstoff liegt? Für
alle behinderten und nichtbehinderten Menschen, die sich im Umgang mit
ihrer und der anderen Körperlichkeit noch nicht sicher sind,
werden zusätzlich zu den oben genannten ewigen Fragen noch weitere
Fragen aufgebracht: Da geht es plötzlich um die Erotik GERADE des
behinderten Körpers, um vermeintliche sexuelle
"Abnormitäten", um Geilheit auf das, was in unserer Sprache
traurigerweise "Invalide" ("unwert") heißt.
Und dann beginnt es in den Köpfen der Schockierten zu brodeln:
KANN es das denn geben? DARF es das geben? Sollte es (in Bezug auf
Behinderte) möglich sein, daß ZUERST der äußere
Trieb da ist, und daß DARAUS sich Liebe entwickelt? Wo man doch
bestenfalls noch das Umgekehrte für möglich hält:
daß die LIEBE den Weg bereitet für die Sexualität mit
einem Behinderten.
Wenn wir ehrlich sind, ist doch die sich ständig erweiternde
Vielfalt der sexuellen Ausrichtungen in unserer Gesellschaft nichts
Besonderes mehr: Allenthalben begegnet man "Erotik", und das in jeder
gewünschten und unerwünschten Art. Die einen fesseln sich,
andere lassen sich auspeitschen und wieder andere leeren sich
übereinander aus.
Um welche Art von Sexualität es auch geht, natürlich DARF man
sich dadurch angewidert und entwürdigt fühlen, wenn man
für sich einen Anlass dazu sieht. Man oder frau MUSS sich
allerdings nicht unbedingt so fühlen, sehr viele sehen die Sache
ja auch ganz anders.
Für mich ist das Phänomen des Amelotatismus kein (im
doppelten Sinne des Wortes) extraordinäres Phänomen: Auch
hier fühlen sich viele benutzt, beleidigt und herabgewürdigt,
so wie es auch überzeugte Fürsprecher und Befürworter
gibt – wohlgemerkt auch unter den beteiligten Behinderten! Es
findet die ganz normale "Verrücktheit" statt, die man in allen
Ecken dieser sexualisierten Welt erlebt. Warum sollten wir Behinderte
herausgenommen sein aus diesem Narrenspiel der Lüste? Wir
können es ablehnen oder mitmachen, entgehen können wir ihm
nicht.
Die Widerwärtigkeit von extremer Pornographie, eindeutigen
Anzüglichkeiten und aggressiver Anmache kennt jeder
nichtbehinderte Mensch, und in der Gegenwart von "Amelos" erwischt es
halt manchmal auch uns Behinderte, wenn wir es ausgerechnet mit einem
Vertreter der primitiven Sorte zu tun bekommen. Es gibt solche und
solche. Das kann uns dann genauso unangenehm sein wie jedem anderen
Menschen auch, der auf ungute Weise angebaggert oder irgendwie
entwürdigt wird. Wir sind sozusagen mal richtig integriert.
Ich vermute, daß "uns Behinderten" solche Dinge deshalb so
nahegehen, weil wir in diesem Bereich ("Behinderung und Sex") schon so
viel zu lernen, zu erfahren und zu kämpfen haben – mit uns
selbst. Es ist ja auch so schon nicht leicht, pausenlos die eigene
Würde (und Würde des behinderten Körpers) wahrzunehmen
und hochzuhalten, ich selbst kenne jedenfalls auch Phasen der
Verunsicherung. Wenn ausgerechnet in einer solchen Phase (bei manchen
dauert sie einen Moment, bei anderen ein Leben lang) zum Beispiel ein
"Amelo" oder ähnlich Gesinnter unseren Weg kreuzt, kann
Verhängnisvolles passieren – es hebt uns aus unseren Angeln.
Die Frage ist aber: Ist dieser Andere dann der EXTREM Perverse –
oder sind wir selbst nur die EXTREM Verunsicherten?
Wie gesagt: In meinen Augen ist Amelotatismus eine von unzähligen
anderen sexuellen "Geschmacksrichtungen", die zwar für viele
Behinderte kein Grund zur Freude ist, die aber nun einmal zur
Realität gehört, in der wir mittendrin stecken. "Sicherheit"
kann es nirgendwo geben, niemals und vor nichts. Auch nicht in einer
Internet-Community. Was helfen da noch die Aufnahmebedingungen und
Regeln mancher Foren? Es hilft schlicht und einfach nicht, Mauern
hochzuziehen, um Probleme zu lösen, egal wo und in welcher
Hinsicht. Gewissen Dingen und Menschen muß man ins Auge blicken,
und wenn es noch so befremdlich sein mag.
Und die Risiken, die die Anonymität des Internets birgt,
müßten eigentlich jedem von Anfang an bewußt sein.
Lücken in der Sicherheit klaffen da nicht nur in technischer
Hinsicht, aber das gilt doch für JEDEN. Die so wunderbar lauschige
Vertrautheit mit einem (eigentlich vollkommen fremden) Chatpartner ist
allzu oft eine schöne Illusion (manchmal ja auch nicht), aber in
jedem Fall ist doch zuerst einmal Skepsis angebracht!! Wenn ich im
Internet so viel von mir preisgebe, daß ich dadurch verletzbar
werde, bin ich doch selbst schuld!
Und wenn mir eine unschöne Begegnung im realen Leben passiert
– tja, dann bin ich (unsanfter als mir lieb ist) genau da
angekommen, wo ich eigentlich immer hinwill: in der rauhen
"Normalität", und wenn wir Behinderten die angenehmen Seiten der
sogenannten Normalität anstreben, kommen wir um die unangenehmen
nicht herum. Es gibt keine Schmetterlinge ohne Raupen und keine Oasen
ohne Wüsten.
Kai Malte Fischer, 2000 / 2002 / 2003 / 2006
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Aufgrund
des ungebrochen großen Besucheransturms auf diese Seite habe ich
beschlossen, eine erläuternde Bildergalerie zum Thema
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