Die Taube    (Eine wahre Geschichte)
 

In eine Kirche auf die längste Orgelpfeife
hat sich eine Taube verirrt,
und immer wieder flattert sie in engen Schleifen
durch den Raum, der enger nur wird.

Im Kirchenschiff tief unten reden
ein paar Leute, schaun empor,
und irgendeiner schlägt dann vor,
sich einen Weg zu überlegen,
wie das Tier man von dort oben
bis ins Freie könnte locken,
und sie wolln mit einer Handvoll Brocken
Brot es gleich erproben.

In einer Kirche auf der längsten Orgelpfeife
sitzt die kleine Taube und girrt,
und immer enger flattert sie die bangen Schleifen,
weil Geräusch im Raum sie verwirrt.

Die Taube bleibt und reagiert
nicht. Tags darauf versuchen sie's
noch einmal, doch sie merken: dies
ist zwecklos - sie ist irritiert.
Und irgendeiner spricht davon,
mit einem Netz an einer langen
Stange sie doch einzufangen -
und bald versuchen sie es schon.

In einer Kirche auf der längsten Orgelpfeife
sitzt die kleine Taube und girrt,
und immer wilder schwirrt sie ihre wirren Schleifen
durch den Raum, der bedrohlich wird.

Die Leute merken: Es hat keinen
Zweck, der Taube nachzujagen,
schließlich schwirrt sie nun seit Tagen
schon umher, und daher meinen
sie, es sei die Möglichkeit
noch, nachts die Fenster aufzustellen:
Morgens durch die ersten hellen
Strahln werde das Tier befreit.

In einer Kirche auf der längsten Orgelpfeife
sitzt die kleine Taube und girrt,
und immer seltner wagt sie es, umherzuschweifen,
weil der Raum immer dunkler wird.

Früh morgens schon betritt der Küster
seine Kirche, hört Geknister
von der Empore - und unwillkürlich
schaut er zur Orgel empor: Natürlich
hockt da die Taube und flattert dazu!
Da reißt der Geduldsfaden ihm, und im Nu
läuft er hinaus und kommt wieder. Es knallt.
Ein Luftgewehrschuß in der Kirche verhallt.

In einer Kirche in der längsten Orgelpfeife
ist dann eine Taube krepiert,
und immer wieder wirbeln Federn aus der Pfeife,
wenn ein Organist musiziert.
 
 

Text und Musik:
Kai Malte Fischer, 1992


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