Litanei der Insulaner


Wir bleiben lieber unter uns
Die draußen verstehn uns doch nicht
Die stören ja nur unser Gleichgewicht
Und unsre schöne, kleine Welt zerbricht

Da singt ein Poet auserlesene Lieder
Vor spärlich besetztem Gestühl
Den Leuten gefällt's, ein paar mehr wärn ihm lieber
Der Abend wird wohl ein Verlustgeschäft wieder
Doch hat er das sichre Gefühl

Wir bleiben lieber unter uns
Die draußen verstehn uns doch nicht
Die stören ja nur unser Gleichgewicht
Und unsre schöne, kleine Welt zerbricht

Und Stammtischkumpanen verarbeiten Biere
Und Zoten und Fußballtabelln
Derweil ihre Frauen beim Kaffeklatsch ihre
Frisörsalonspiegeltischfrauenlektüre
Den anderen weitererzähln

Die Alten, im Heim nur von Alten umgeben
Vergessen die Jugend in sich
Und die im Behindertenwohnbezirk leben
Und ängstlich sich nur noch im Kreise bewegen
Sie alle bestätigen sich

Wir bleiben lieber unter uns
Die draußen verstehn uns doch nicht
Die stören ja nur unser Gleichgewicht
Und unsre schöne, kleine Welt zerbricht

Und die Professoren verfassen Artikel
Die nur ein Professor kapiert
Und der Mediziner im amtlichen Kittel
Verschreibt dir natürlich ganz andere Mittel
Als der, der natürlich kuriert

Die Wahrheit ist unser - sagt jede Partei
Jede Kirche weiß: unser ist Gott
Es glaubt jede Staatsform die beste Bastei
Gegen menschenverachtende Mächte zu sein
Und alle verschließen ihr Schott

Wir bleiben lieber unter uns
Die draußen verstehn uns doch nicht
Die stören ja nur unser Gleichgewicht
Und unsre schöne, kleine Welt zerbricht

Und weit in der Umlaufbahn kreisen in Schiffen
Und Kapseln die Raumfahrer, und ab und zu
Gleiten sie an die Luken und grüßen ergriffen
Und fröhlich die Länder mit Liedern und Pfiffen
Die Grenzen verschwimmen im Nu

Und weit in der Umlaufbahn kreisen in Kapseln
Und Schiffen die Raumfahrer drüber hinweg
Über Grenzen und Kriege - und zucken die Achseln
Und während sie wieder zum Steuerpult kraxeln
Beschleicht sie im Stillen der Schreck

Was treiben die da unter uns
Hier draußen verstehn wir es nicht...



Text und Musik:
Kai Malte Fischer, 1996


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